Wie sieht die Zukunft des Energiemarktes aus?

Die wichtigsten Aspekte auf dem Weg in eine globale Energiewende.

Die globale Energiewende ist das Hauptthema der diesjährigen Ausgabe des BP Energy Outlook. Vor dem Hintergrund eines weltweit wachsenden Wohlstandes prognostiziert BP, dass die Energienachfrage bis 2035 um 30 Prozent steigen wird. Gleichzeitig wird der Energiemix immer stärker von emissionsärmeren Energieträgern geprägt: Die erneuerbaren Energien werden mit einer Steigerungsrate von jährlich 7,1 Prozent die am schnellsten wachsende Energieform sein. 

Erdgas ist der am schnellsten wachsende fossile Energieträger. Die Nachfrage von Öl wird sich weiter um 0,7 Prozent pro Jahr erhöhen, dieses Wachstum wird sich im Laufe der Zeit allerdings abschwächen. Die Steigerungsrate bei der Kohle wird deutlich bis auf jährlich 0,2 Prozent sinken, nachdem sie in den zurückliegenden 20 Jahren durchschnittlich 2,7 Prozent betragen hat. 

Eine der grössten Unwägbarkeiten auf dem Energiemarkt ist die Frage, mit welcher Geschwindigkeit die Umstellung auf eine emissionsärmere Energienutzung voranschreiten wird. Bei unserem 'Base Case'-Szenario ergeben die Berechnungen, dass sich die CO₂-Emissionen um weniger als ein Drittel der in den vergangenen 20 Jahren verzeichneten Steigerungsraten erhöhen werden.

Bei der Kalkulation mit dem wahrscheinlichsten Ergebnis wird sich der durch Energienutzung verursachte Ausstoss an CO₂ bis 2035 allerdings immer noch um 13 Prozent erhöhen. Dieser Wert liegt deutlich über dem vom IEA errechneten 450 Szenario, welches davon ausgeht, dass die CO₂-Emissionen bis 2035 um 30 Prozent sinken müssen, um die 2015 auf der Klimakonferenz in Paris festgelegten Zielvorgaben erreichen zu können.

Für den diesjährigen BP Energy Outlook haben wir zwei alternative Auslegungen zum Thema Emissionen entwickelt. Zum einen den 'Faster Transition Case', bei dem wir davon ausgehen, dass deutlich strengere politische Massnahmen zur Anwendung kommen. Hiernach werden sich die CO₂-Emissionen 12 Prozent unter dem Niveau des Jahres 2015 einpendeln. Zum anderen haben wir den Berechnungsfall 'Even Faster Transition', der dem Verlauf des IEA 450 Szenario entspricht.

Der Emissionsrückgang bei diesem 'Even Faster Transition' Berechnungsfall beruht im Wesentlichen auf Veränderungen bei der Stromerzeugung, die dabei fast vollständig dekarbonisiert wird. Interessanterweise lässt sich bei diesen beiden zusätzlichen Auslegungen jeweils feststellen, dass Öl und Gas gemeinsam weiterhin ungefähr die Hälfte der weltweiten Energienachfrage befriedigen werden.

Öl – ein enger Markt

Die Menge der weltweit nachgewiesenen Ölreserven hat sich in den zurückliegenden 35 Jahren verdoppelt. Mit anderen Worten, für jedes Barrel Öl, das wir verbraucht haben, sind zwei neue Barrel entdeckt worden. Dieses heute vorhandene Überangebot an Ressourcen übersteigt die bis 2050 und darüber hinaus weltweit sehr wahrscheinlich konsumierte Menge an Öl bei weitem.

Wenn das Nachfragewachstum beim Öl sich also abschwächt, dürfte diese Entwicklung Auswirkungen auf die Förderung der globalen Ölvorräte haben. So könnten kostengünstige Förderländer wie die Staaten im Mittleren Osten und Russland ihre Wettbewerbsvorteile auszunutzen und ihre jeweiligen Marktanteile durch eine vermehrte Förderung erhöhen. Auf diese Weise würden teurere Förderländer wahrscheinlich aus dem Markt verdrängt werden.

Erdgas – die Welt wird kleiner

Wir gehen davon aus, dass Erdgas in den kommenden zwanzig Jahren grössere Wachstumsraten als Kohle und Öl verzeichnen wird. Diese Entwicklung wird untermauert durch den Anstieg der Versorgungsmengen insbesondere über Shale Gas in den USA und die schnelle Expansion des LNG-Marktes. Ein besonderes Merkmal von LNG ist seine relative Mobilität – es lässt sich auf dem Seeweg rund um die Welt transportieren und ist nicht auf Pipelines angewiesen. Es steht daher zu erwarten, dass sich bis zum Jahr 2035 ein weltweit integrierter Gasmarkt etablieren wird.

Die Risiken der Gasnachfrage

Wenn sich der Marktanteil von Gas erhöht, wird Gas auch eine bedeutendere Rolle bei der Zusammensetzung des Energiemixes einnehmen. Was geschieht jedoch, wenn die Kohle ihren Marktanteil länger als erwartet halten kann?

Um dieses mögliche Szenario zu untersuchen, haben wir ein Berechnungsmodell mit dem Titel 'Slower Gas' aufgestellt, bei dem die klima- und umweltpolitischen Vorgaben und Massnahmen weniger strikt als erwartet ausfallen und deshalb die Kohlenachfrage weniger stark sinkt als im 'Base Case'-Modell. 

Wir gehen in diesem Modell davon aus, dass die energiepolitischen Entscheidungen und Massnahmen, die auf einen steigenden Einsatz von Gas statt von Kohle abzielen, wesentlich schwächer als erwartet ausfallen. Zusätzlich wird prognostiziert, dass es keine wirkliche Unterstützung dafür gibt, den Ausstoss von CO₂ zu bepreisen, um die Emissionen zu senken. Wenn wir nun die beiden „Faster Transition“-Fälle für den CO₂-Ausstoss zusammen mit dem 'Slower Gas'-Modell berücksichtigen, lässt sich feststellen, dass die zukünftige Nachfrage nach Gas durch die Stärke bzw. die Schwäche der energiepolitischen Entscheidungen und Massnahmen beeinflusst werden könnte.

Zunehmende Elektrifizierung

Die Zahl an Elektrofahrzeugen wird in den nächsten 20 Jahren stark zunehmen, von derzeit ungefähr einer Million Fahrzeugen bis auf annähernd 100 Millionen Fahrzeuge im Jahr 2035. Dieser Anstieg könnte dazu führen, dass sich das Wachstum der Ölnachfrage um 1,2 Millionen Barrel pro Tag reduziert.

Vor diesem Hintergrund bleibt festzuhalten, dass konventionelle Fahrzeuge auf unseren Strassen weiterhin die überwältigende Mehrheit stellen. Die Kraftfahrzeugflotte wird sich von derzeit 900 Millionen bis 2035 wohl auf nahezu 1,7 Milliarden erhöhen. Diese Entwicklung ist grösstenteils auf die schnell wachsenden Volkswirtschaften in Asien zurückzuführen. Während wir also einerseits erwarten, dass die Zahl der Elektrofahrzeuge schnell zunehmen wird, werden andererseits die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Ölnachfrage nicht wirklich entscheidend sein.

Was geschieht, wenn sich die Veränderungen im Bereich Mobilität schneller als erwartet einstellen?

Die Bandbreite der im Personenverkehr anstehenden Veränderungen reicht über die zunehmende Nutzung von Elektrofahrzeugen über selbstfahrende Fahrzeuge, Car Sharing bis hin zu Fahrgemeinschaften.

Wir haben die möglichen Auswirkungen dieser neuen Technologien auf die Ölnachfrage untersucht. So könnte eine Flotte von 100 Millionen selbstfahrenden Fahrzeugen 2035 die Nachfrage nach Öl um ungefähr 0,4 Millionen Barrel pro Tag senken, während 100 Millionen zusätzlich vorhandene Elektroautos die Nachfrage um 1,4 Millionen Barrel pro Tag reduzieren würden – also um eine vierfach so grosse Menge.

Ein weiteres Beispiel findet sich beim Thema Car Sharing. Auch wenn sich hier keine direkten Auswirkungen auf die Ölnachfrage ergeben, so kann sich diese Art der Nutzung in Kombination mit neuen Technologien (wie z.B. selbstfahrende Fahrzeuge und Elektroautos) durchaus auf die Ölnachfrage auswirken, da über die neuartigen Fahrzeuge mehr Kilometer (pro Tankfüllung) als mit konventionellen Fahrzeugen zurückgelegt werden.

Über Fahrgemeinschaften verringert sich die Länge der mit einem Fahrzeug zurückgelegten Strecke, indem die Zahl der Insassen erhöht wird – ein Rückgang in Höhe von 10 Prozent der mit einem Fahrzeug zurückgelegten Strecke würde die Ölnachfrage im Jahr 2035 um 2,5 Millionen Barrel pro Tag senken. Andererseits könnte die Revolution im Bereich Mobilität möglicherweise  dank sinkender Kosten und der grösseren Verfügbarkeit von Kraftfahrzeugen auch zu einer steigenden Nachfrage nach Autos führen – die Auswirkungen auf die Ölnachfrage ist hier also ungewiss.

Änderung der Nachfrage in China

Auch wenn diese Feststellung eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte – China bestimmt wesentlich die Entwicklung der Weltenergiemärkte. Das Land ist nicht nur der grösste Energiemarkt, sondern gleichzeitig auch der weltweit grösste Wachstumsmarkt für Energie mit einer Steigerungsrate von jährlich fast 2 Prozent bis 2035. Verglichen mit einer durchschnittlichen Erhöhung von 6 Prozent in den zurückliegenden 20 Jahren wird schnell deutlich, dass sich der Energiemarkt Chinas verändern muss.  

Da sich das Wirtschaftswachstum allmählich verlangsamt und die Volkswirtschaft sich von einer industriell geprägten Ausrichtung verabschiedet und in eine Verbraucher- und Dienstleistungswirtschaft wandelt, ist ihre Energieintensität rückläufig. Der Energiemix wird sich ebenfalls entscheidend verändern, da die Regierung vielfältige energiepolitische Massnahmen aufgelegt hat, die den Übergang einer von Kohle dominierten Energienutzung hin zu saubereren, emissionsärmeren Energieträgern wie Erdgas, Kernenergie und erneuerbare Energien fördern.

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