Erdöl ist nicht gleich Erdöl

Baobab, Okwori, Brass River, Azurite: Das klingt wie eine exotische Cocktailkarte. Der Experte aber weiß, es handelt sich dabei um vier von insgesamt über 1.000 Rohölsorten. Daher setzen Raffinerien auf eine Mischung verschiedenster Rohöle.

Auch wenn alle Rohöle im Kern dieselben Bestandteile enthalten – Kohlenwasserstoffe, Schwefel sowie Spuren von Sauerstoff, Stickstoff und Metallen –, weist jede Sorte andere Eigenschaften auf. So ist beispielsweise Rohöl aus Algerien dünnflüssig und strohgelb, während venezolanisches Rohöl dickflüssig und tiefbraun ist.

Die Unterscheidung zwischen den Rohölsorten erfolgt am Markt nach verschiedenen Kriterien wie beispielsweise der Förderstätte, der Dichte oder dem Schwefelgehalt.

Je leichter, flüssiger und schwefelärmer ein Rohöl ist, desto höher ist seine Qualität. Der Grund dafür ist, dass diese sogenannten „Light Sweet Crudes“ einfacher, schneller und günstiger verarbeitet werden können. Der Nachteil dieser Sorten: Aufgrund ihrer Beliebtheit in der Verarbeitung ist ihr Fördermaximum bereits überschritten. Ihr Marktpreis ist dementsprechend höher als der Preis für schwere Rohölsorten.

Vereinfacht gesagt gilt: Je mehr Energie und Aufwand zur Verarbeitung nötig ist, desto günstiger das Rohöl. Einen einheitlichen Preis für Rohöl gibt es folglich nicht.

Mischungen aus bis zu 15 Sorten

Geht es um die Auswahl der Rohöle für die Verarbeitung, spielt in einer Raffinerie aber nicht nur der Einkaufspreis eine Rolle. Entscheidend sind auch die maximale Auslastung der Anlagen, Rohölverfügbarkeiten, die Qualität sowie die Wirtschaftlichkeit der Endprodukte.

Daher setzen beispielsweise die Produktionsplaner von BP Gelsenkirchen und BP Lingen auf eine ökonomisch sinnvolle Mischung verschiedenster Rohölsorten. Folglich kommt es nie zum Einsatz einer Rohölsorte in den Anlagen, sondern es werden immer Mischungen aus bis zu 15 verschiedenen Sorten verarbeitet.

Betriebswirtschaftliche Öl-Planung

Angenommen die Ruhr Oel Raffinerie in Gelsenkirchen-Scholven setzte nur West Texas Intermediate ein – ein leichtes, flüssiges und schwefelarmes Rohöl – so würden nach der Verarbeitung in der Destillationsanlage nahezu keine Rückstände anfallen. Die Folge wäre, dass die vorhandenen Konversionsanlagen und die Entschwefelungsanlage im Werk Gelsenkirchen-Horst nicht ausgelastet wären.

Die Verarbeitung einer einzigen Rohölsorte ist nicht nur unwirtschaftlich für breit aufgestellte Raffinerien, sondern in der Praxis auch nicht umsetzbar. Denn bereits beim Transport des Rohöls vom Schiffstank über die Zwischentanks in Wilhelmshaven und die NWO-Pipelines werden Rohölsorten auf Anweisung der Produktionsplaner vermischt, so dass kein Rohöl in Reinform in den Raffinerien ankommt. Der Grund hierfür ist unter anderem die Zähflüssigkeit einiger schwerer Rohöle, die ohne Zugabe leicht flüssiger Sorten nicht durch eine Pipeline gepumpt werden könnten.

Qualitätskontrollen beim gesamten Transport

Die Qualität des Rohöls wird während des gesamten Transports überprüft. Dazu werden Proben aus dem Schiffstank, den Zwischentanks und den Lagertanks in der Raffinerie gezogen und im raffinerieeigenen Labor anhand festgelegter Richtwerte untersucht.

Abweichungen von den offiziellen Werten, die BP Experten im englischen Sunbury  bestimmen, werden vom Labor an die Produktionsplaner weitergeleitet. Sie pflegen die ermittelten Werte in die Planung ein, so dass der Rohöleinsatz errechnet werden kann. Vor dem Destillationsprozess wird auch noch einmal die fertige Rohölmischung, überprüft.

Wie sieht die optimale Mischung aus?

Zum einen gibt es die wirtschaftliche Perspektive. Die Planer erhalten wöchentlich Preise über Rohöle und täglich Informationen über die Preisentwicklung der Endprodukte, anhand derer sie den Rohöleinsatz planen können. Zum anderen gibt es Restriktionen durch die Beschaffenheit der Anlagen. So dürfen beispielsweise der Schwefel-, Säure- und Metallgehalt der Rohölmischung bestimmte Richtwerte nicht überschreiten, anderenfalls käme es zu Schädigungen an den Anlagen.

In der BP Raffinerie Lingen besteht die Rohölmischung beispielsweise schwerpunktmäßig aus deutschem Rohöl, das in der Region gefördert wird. Es ist ein schwefelarmes, sehr saures, rückstandsreiches Rohöl. Um es zu verarbeiten, werden andere Rohöle zugemischt, unter anderem das sehr leichte, rückstandsarme Karachaganak, ein russisches Rohöl. Insgesamt wurden in Lingen im Jahr 2013 4,3 Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet.

Gelsenkirchen verarbeitet vorwiegend schwefelreiche Rohöle

In der BP Raffinerie Gelsenkirchen setzen die Planer hauptsächlich auf Rohöl aus Russland und der Nordsee. Mehr als 50 Prozent der im Jahr 2013 eingesetzten 11,6 Millionen Tonnen Rohöl stammen aus diesen beiden Regionen.

Grundsätzlich sind aber sowohl die Raffinerien in Lingen als auch in Gelsenkirchen in der Lage, schwere, rückstandsreiche Rohöle zu 100 Prozent zu verwerten.